8. Juni 2015 blogger

Proteine sind große Molekülketten, die aus Aminosäuren aufgebaut sind. Freie Aminosäuren kommen praktisch nicht in der Nahrung vor. Deshalb ist das Verdauungssystem des Menschen auch daran angepasst komplette Proteine aufzunehmen und zur Resorption (Aufnahme durch den Dünndarm) in dessen Aminosäurebaustein zu zerlegen. Da dies auch chemisch möglich ist, können freie Aminosäuren als Nahrungsergänzung angeboten werden. Die Grundidee dahinter (- neben der Option so eine weitere Produktpalette zu erschließen und damit neue Einnahmequellen zu generieren -) ist, dass der Körper freie Aminosäuren schneller resorbieren kann – oder zumindest können soll – wenn er sich einige ansonsten notwendige Arbeitsschritte der Zerlegung der kompletten Eiweiße sparen kann. Des Weiteren spielen einige Aminosäuren eine besondere Rolle bei der Regeneration des Muskel-/ oder generell des Gewebes. Beispielsweise ist die Aminosäure L-Glutamin für die Wassereinlagerung in die Muskelzelle verantwortlich und führt unter muskulärer Belastung (z.B. Training) zu einer Vergrößerung des Zellvolumens. Dies stellt ein anaboles, die Muskelgewebeneubildung unterstützendes Signal dar. Dass eine selektive Extrazufuhr von freiem L-Glutamin jedoch die Muskelwachstumsrate und Geweberegeneration erhöht oder verbessert, ist nicht nachgewiesen. Im Gegenteil wurde in einer hochwertigen Untersuchung gezeigt, dass die Sterblichkeitsrate bei Traumapatienten  – (Muskel-/) Gewebeschäden durch Unfall – durch die selektive Gabe von L-Glutamin ansteigt und nicht wie erhofft zu einer verbesserten Geweberegeneration führt. Auch die Infektionsrate konnte nicht gesenkt werden. Diese Ergebnisse bedeuten zwar nicht automatisch, dass die zusätzliche, selektive Zufuhr von L-Glutamin gesundheitsschädlich für gesunde Personen ist. Sie weisen aber darauf hin, dass davon kein positiver Effekt zu erwarten ist und zumindest eine hohe Dosierung auch für gesunde Personen mit einem Risiko verbunden sein kann. Ähnlich verhält es sich mit der selektiven Zufuhr von verzweigtkettigen Aminosäuren (= BCAA = Branched-Chain Amino Acid), welche zwar essentiell sind, d.h. nicht vom Körper selbst synthetisiert werden können, für die aber ebenso kein Nachweis eines Zusatznutzens erbracht werden konnte.

Unter Betrachtung dieser Faktoren ist festzustellen, dass es generell immer sinnvoller ist, wenn man komplette Eiweiße – also sowohl „normale“ Eiweißquellen wie Fleisch, als auch Proteinpulver, wie Molkeprotein – zuführt, an statt einzelne Aminosäuren. Dieses Vorgehen ist möglichst risikoarm, entspricht dem natürlichen Verdauungsprozess und ist zudem auch kostengünstiger. Eine selektive Aminosäurenzufuhr aktiviert die Verdauungsmechanismen zur Verwertung des „Baumaterials“ weniger als ein komplettes Eiweiß. Jedes komplette Eiweiß enthält alle Aminosäuren, wenn auch mit einer unterschiedlichen Aminosäureverteilung. Und auch die versprochene schnellere Resorption, der schon vorher zerlegten Eiweiße, hat keinerlei nachgewiesenen Effekt auf den Muskelaufbau.

Einzig wichtig ist, dass man täglich genügend Eiweiß zuführt. Das ist das Einzige, worauf es in diesem Zusammenhang wirklich ankommt! Auch Fragen wie: Vor oder nach dem Training? Alle Drei Stunden? …, sind im Vergleich dazu fast vollkommen irrelevant.

Ob aus „normaler“ Nahrung oder Proteinpulver hat nur dann eine Bedeutung, wenn es wichtig ist möglichst viel Eiweiß bei gleichzeitig möglichst geringer Kalorienzahl zuzuführen. Ansonsten benötigt man nur dann Eiweißpulver, wenn die Eiweißversorgung über die normale Nahrung nicht abgedeckt werden kann.

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